Synopse

(9)
Donnerstag, 21 April 1955    (    )

Totenklage

Wenn er die Orange zerschneidet,
achtet er drauf, dass ihm der Saft
nicht den weissen Kragen verspritzt,
den er zwar jeden Tag wechselt.
05 Aber er ist nervöser als sonst
wegen des Wechsels der Lebensumstände:
dass er nun die Stadt plötzlich verlassen musste
und herausziehn in dieses Kloster, wo es 
nur Mönche gibt, die sein Leben bessern wollen,
10 weil sie nichts Andres zu tun haben
(und das geistliche Leben ist auf die
Dauer nicht jedermanns Sache):

Aber das ist doch noch besser,
als in dem Stadtpalast zu bleiben
und sich wie weisses Fleisch immer von neuem
15 von der Tunke des Jammers von fünfzig // 101
dazu bestellten Frauen neu übergiessen,
ganz durchdringen zu lassen<.>

Hier wenigstens ist es trocken 
und niemand verlangt von ihm Trauer
20 um dieses ängstliche Mädchen, das er
nur wenig und förmlich gekannt hat 
(im Bett braucht man gottseidank nicht
zu sprechen). 
Hier kann er zusehn,wie man, nachdem
die Sonne unterging hinter
der kahlen Kuppe, der Woge
25 eines erstarrten Meeres, die fünf Beete
mit Rosen mitten im Gemüseplatz giesst,
und dann, damit man nicht sieht, wie er gähnt,
hineingehn und drauf achten, dass er
beim Schneiden der Orange
30 den weissen Kragen nicht verspritzt mit dem Saft.

In: Notizbuch 1954-55
Freitag, 22 April 1955    (    )

Philipp II. in Aguilera (A)

Wenn er die Orange zerschneidet,
achtet er drauf, dass ihm der Saft
nicht den weissen Kragen verspritzt, 
den er zwar jeden Tag wechselt. 

05 Aber er ist nervöser als sonst 
wegen des Wechsels der Lebensumstände: 
weil er die Stadt plötzlich verlassen musste 
und herausziehn in dieses Kloster, wo es 
nur Mönche gibt, die mit Blicken 
10 sein Leben zu bessern versuchen. 
Aber das ist doch noch besser, 
als in dem feuchten Palast zu bleiben 
und sich wie weisses Fleisch immer von neuem 
von der Tunke des Jammers von fünfzig 
15 Frauen übergiessen und ganz 
durchdringen zu lassen. 

Hier wenigstens ists trocken 
und niemand verlangt von ihm Trauer 
um ein ängstliches Mädchen, das er 
20 nur wenig und förmlich gekannt hat 
(im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen) 
Hier kann er zusehn, wie man, nachdem 
die Sonne unterging hinter des erstarrten 
Meeres kahler Woge, die fünf Beete 
25 mit Rosen mitten im Gemüseplatz giesst, // 01v
und dann, damit man nicht sieht, wie er gähnt, 
hineingehn und ganz drauf achten, dass er 
beim Zerschneiden der Orange 
den weissen Kragen nicht verspritzt mit dem Saft.

In: Manuskripte 1955

Wenn er die Orange zerschneidet,
achtet er drauf, dass ihm der Saft
nicht den weissen Kragen bespritzt, 
den er zwar jeden Tag wechselt. 

05 Aber er ist nervöser als sonst: 
weil er die Stadt plötzlich verliess 
und herauszog in dieses Kloster, wo es 
nur Mönche gibt, die mit Blicken 
sein Leben zu bessern versuchen. 

10 Aber das ist doch noch besser, 
als in dem feuchten 
Palast zu bleiben und sich 
wie Pastetenfleisch immer von neuem 
von der Tunke des Jammers von fünfzig 
15 Frauen übergiessen und ganz 
durchdringen zu lassen. 

Hier wenigstens ist es trocken, 
und niemand verlangt von ihm Trauer 
um ein Mädchen, das er 
20 nur wenig und förmlich gekannt hat 
(im Bett braucht man, Gott sei dank, nicht zu sprechen) // 02v
Hier kann er zusehn, wie man, 
nachdem die Sonne unterging hinter den Wogen 
des erstarrten Meers, das einzige Beet 
25 mit Rosen mitten im Gemüseplatz giesst 
und kann dann, 
damit man sein Gähnen nicht sieht, 
hineingehn und genau drauf 
achten, dass er beim Zerschneiden 
30 der Orange den weissen 
Kragen, den er zwar jeden Tag wechselt, 
nicht bespritzt mit dem Saft.

In: Manuskripte 1955

Wenn er die Orange zerschneidet,
achtet er drauf, dass ihm der Saft
nicht den weissen Kragen und die Manschetten, 
die er zwar jeden Tag wechselt, bespritzt. 

05 Denn er ist nervöser als sonst schon: 
weil er die Stadt so plötzlich verlassen 
musste und in dieses Kloster herausziehn, 
wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken 
seine Seele zu retten versuchen. 

10 Aber das ist doch besser, 
als in dem feuchten 
Palast zu bleiben und sich 
wie Pastetenfleisch immer von neuem 
von der Tunke des Jammers von fünfzig 
15 Frauen übergiessen und ganz 
durchtränken zu lassen. 

Hier wenigstens ist es trocken, 
und niemand verlangt von ihm Trauer 
um das Mädchen, das er 
20 nur wenig und förmlich gekannt hat 
(im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen). // 04
Hier kann er zusehen, wie man, 
nachdem die Sonne hinter baumlos 
starren Wogen unterging, das einzige
25 Rosenbeet mitten im Gemüseplatz 
giesst und kann dann, damit man 
sein Gähnen nicht sieht, hineingehn 
und genau drauf achten, dass er beim Zerschneiden 
der Orange nicht bespritzt den weissen 
30 Kragen und die Manschetten, die er 
zwar jeden Tag wechselt.

In: Manuskripte 1955

Wenn er die Orange zerteilt,
achtet er drauf, dass ihm der Saft
nicht den weissen Kragen und die Manschetten, 
die er ohnehin jeden Tag wechselt, bespritzt. 

05 Denn er ist nervöser als sonst schon: 
weil er die Stadt so plötzlich verlassen 
musste und in dieses Kloster herausziehn, 
wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken 
seine Seele zu retten versuchen. 

10 Aber das ist doch besser, 
als in dem feuchten 
Palast zu bleiben und sich 
wie Pastetenfleisch immer von neuem 
von der Jammertunke von fünfzig 
15 Frauen übergiessen und ganz 
durchtränken zu lassen. 

Hier ist es wenigstens trocken, 
und niemand verlangt von ihm Trauer 
um das Mädchen, das er nur förmlich gekannt hat 
20 (im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen) 

Hier kann er, nachdem die 
Sonne hinter den baumlos erstarrten 
Wogen unterging, zusehn, // 05v
wie man das einzige Rosenbeet mitten im Kohlplatz 
25 wässert und kann dann, damit man sein Gähnen nicht sieht, 
hineingehn und genau darauf achten, 
dass ihm die Orange 
beim Zerteilen den Kragen und die Manschetten 
nicht bespritzt, 
30 die er ohnehin jeden Tag wechselt.

In: Manuskripte 1955

Wenn er die Orange zerteilt, achtet er drauf,
dass ihm der Saft nicht den weissen Kragen und die Manschetten, die 
er ohnehin jeden Tag wechselt, bespritzt. 

Denn er ist nervöser als sonst schon: 
weil er die Stadt so plötzlich verlassen musste und in dieses Kloster 
herausziehn, 
05 wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken seine Seele zu retten versuchen. 

Aber das ist doch besser, als in dem feuchten Palast zu bleiben 
und sich wie Pastetenfleisch von der Jammertunke von fünfzig Frauen 
immer neu übergiessen und ganz durchtränken zu lassen. 

Hier ist es wenigstens trocken, und niemand verlangt von ihm Trauer 
um das Mädchen, das er nur förmlich gekannt hat. 
10 (Im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen.) 

Hier kann er, nachdem die Sonne hinter den baumlos erstarrten Wogen 
unterging, zusehn 
wie man das einzige Rosenbeet mitten im Kohlplatz wässert, 
und kann dann, damit man sein Gähnen nicht sieht, hineingehn und 
genau darauf achten, 
dass ihm beim Zerteilen der Orange der Saft nicht den Kragen und die 
Manschetten bespritzt, 
15 die er ohnehin jeden Tag wechselt.

In: Manuskripte 1955

Wenn er die Orange zerteilt, achtet er darauf,
dass ihm der Saft nicht den weissen Kragen und die Manschetten, die 
er ohnehin jeden Tag wechselt, bespritzt. 

Denn er ist nervöser als sonst schon, 
weil er die Stadt so plötzlich verlassen und in dieses Kloster
herausziehen musste, 
05 wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken seine Seele zu retten versuchen. 

Aber das ist doch besser, als in dem feuchten Palast zu bleiben 
und sich wie Pastetenfleisch von der Jammertunke von fünfzig Frauen 
immer neu übergiessen und ganz durchtränken zu lassen. 

Hier ist es wenigstens trocken, 
10 und niemand verlangt von ihm Trauer um das Mädchen, das er nur förmlich
gekannt hat. 
(Im Bett braucht man gottseidank nicht zu sprechen.) 

Hier kann er, wenn die Sonne hinter den baumlos erstarrten 
Wogen unterging, zuschaun 
wie man das einzige Rosenbeet mitten im Kohlplatz wässert, 
und kann dann, damit man sein Gähnen nicht sieht, hineingehen und genau
darauf achten, 
15 dass ihm beim Zerteilen der Orange der Saft nicht den Kragen und die 
Manschetten bespritzt, 
die er ohnehin jeden Tag wechselt.

In: Manuskripte 1955

Wenn er die Orange zerteilt, achtet er darauf,
dass ihm der Saft nicht den weissen Kragen und die Manschetten, die
er ohnehin jeden Tag wechselt, bespritzt.

Denn er ist nervöser als sonst schon,
weil er die Stadt so plötzlich verlassen und in dieses Kloster
herausziehen musste,
05 wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken seine Seele zu retten
versuchen.

Aber das ist doch besser, als in dem feuchten Palast zu bleiben
und sich wie Pastetenfleisch von der Jammertunke von fünfzig Frauen
immer neu übergiessen und ganz durchtränken zu lassen.

Hier ist es wenigstens trocken,
10 und niemand verlangt von ihm Trauer um das Mädchen, das er nur
förmlich gekannt hat.
(Im Bett braucht man gottseidank nicht zu sprechen.)

Hier kann er, wenn die Sonne hinter den baumlos erstarrten Wogen
unterging, zuschaun,
wie man das einzige Rosenbeet mitten im Kohlplatz wässert,
und kann dann, damit man sein Gähnen nicht sieht, hineingehen
und genau darauf achten,
15 daß ihm beim Zerteilen der Orange der Saft nicht den Kragen und
die Manschetten bespritzt,
die er ohnehin jeden Tag wechselt.

In: Typoskripte 1955

Wenn er die Orange zerteilt, achtet er darauf,
daß ihm der Saft nicht den weißen Kragen und die Manschetten,
die er ohnehin jeden Tag wechselt, bespritzt.

Denn er ist nervöser als sonst schon,
weil er die Stadt so plötzlich verlassen und in dieses Kloster
herausziehen mußte,
05 wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken seine Seele zu retten
versuchen.

Aber das ist doch besser, als in dem feuchten Palast zu bleiben
und sich wie Pastetenfleisch von der Jammertunke von fünfzig
Frauen immer neu übergießen und ganz durchtränken zu lassen.
Hier ist es wenigstens trocken,
10 und niemand verlangt von ihm Trauer um das Mädchen, das er
nur förmlich gekannt hat.
(Im Bett braucht man gottseidank nicht zu sprechen.)

Hier kann er, wenn die Sonne hinter den baumlos erstarrten
Wogen unterging, zuschaun,
wie man das einzige Rosenbeet mitten im Kohlplatz wässert,
und kann dann, damit man sein Gähnen nicht sieht, hineingehen
und genau darauf achten,
15 daß ihm beim Zerteilen der Orange der Saft nicht den Kragen
und die Manschetten bespritzt,
die er ohnehin jeden Tag wechselt.

In: Die verwandelten Schiffe 1957
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