Die verwandelten Schiffe (Rezensionen)

Rezensionen

Süddeutsche Zeitung, 30.4.1958 (zu Lesung im Tukan-Kreis, München)

Lyriker aus der Schweiz

Mit einer schädlichen Überdosis monoton gelesener Verse, deren Ziel es zu sein schien, die Poesie unrhythmischer Schachtelsätze zu demonstrieren, stellte sich Kuno Raeber, der Autor der „Verwandelten Schiffe“, dem willig lauschenden Tukaneum. Das Gedicht ist für ihn „ein Ort, wo der Geist die Welt versammelt und ordnet“. Wenn indessen „Februarsülze“ ins Zimmer hereinquillt, wenn die „Etüdenliane“ durch Decken und Böden „aufzückt“ oder wenn „Gefühlswälder süß“ durchwandert werden, wirkt diese neue Ordnung mehr gewaltsam als überzeugend. Meistens auch sind Raebers bildungs- und intellektbeladene Assoziationen vom Hörer nicht nachvollziehbar. Dann und wann aber erreicht seine Aussage eine faszinierende Transparenz. Vielleicht, daß solche Passagen in künftigen Gedichten häufiger auftreten.

[…]  Karl Ude

 Basler Nachrichten, 7.3.1958, Literaturblatt (Ueber die "neue" Lyrik)

(R. K. H.) Für viele Liebhaber überkommener Dichtung ist die neue oder moderne Lyrik ein Schreckgespenst, vor dem man flieht, ohne je es kennen zu lernen. Nichts Geeigneteres gäbe es, um diesen Schreck zu überwinden als Kurt Leonhards kluge und einlässliche «gedanken zu gedichten». […]  

Entfernt eine neue Lyrik jedes technische Spielwerk, jede gewohnte zeitlich-räunliche Vorstellung, so ist die Bahn frei für den echten Dichter; aber auch dem Bluffer und Tändler öffnen sich Möglichkeiten, die von dem Leser doppelte Sorgfalt und Krtik erheischen. Leonhard als Essayist besitzt beides in hohem Masse. Ueber jede Parteinahme hinweg führt das Buch Gesichtspunkte an, die unabhängig von jeder Kunstauffassung gleten, beispielsweise den Begriff der «Stimmigkeit», der – vielleicht – dem Schönen und Wahren übergeordnet ist. […]  

Ganz eindeutig, im Tubaton voller Ueberzeugung, erläutert Paul Raeber das Phänomen des Gedichtes auf den beiden Umschlagklappen seines Gedichtbandes «Die verwandelten Schiffe». Aber da man einen Lyriker nicht bei seinen Theorien belangen, sondern an seinen «Früchten» (lies: «neuen Wirklichkeiten») erkennen soll, geht man lieber gleich zu den Gedichten über. Ihre verschoebene, verstellte, und zerspellte Form ähnelt den Zerbrechungen und Schichtungen, den Spannungen des Kubismus. Kein Zweifel, Raeber macht seine Theorie wahr; er sucht nach Berührungspunkten, die für ihn das Gerüst des Gedichtes ausmachen. Er weiss, dass in ihm Wahrheiten von Jahrhunderten, atavistische Elemente verborgen sein können. Um sie aufzustöbern, verfährt er bald wie ein Detektiv, bald sie ein Jongleur oder Photograph, ja, man kann ganz in seinem Sinne sagen, wie ein Blender. Er sucht die Wortlandschaft eines Gedichtes gründlich nach Schichten ab erleuchtet sie taghell und macht dabei einige unerlässliche Angaben über den Standort seines Scheinwerfers, etwa: «Wenn du das Feuer hinhältst, der Dame, die leicht zurückweicht, die Zigarette anzündest.»

Es gilt also in Kuno Raebers Dichterwerkstatt nicht mehr, ein Gedicht zu schaffen oder seine Reife abzuwarten. Es kommt darauf an, dem inividuellen Gedicht wie ein Reporter auf den Leib zu rücken, vielleicht sogar einen bizarren Film zu drehen. Für einen findigen Kopf mag dies ein Vergnügen bedeuten. Uns aber sei erlaubt, Kurt Leonhards Ueberzeugung, dass die Wirklichkeit der Poesie die Möglichkeit des Menschen sei, auch auf den Modernismus Raebers anzuwenden und hierin die Möglichkeiten des Menschen allgemein, also auch des Lesers, einzubeziehen. Bietet Raebers Poesie eine solche Möglichkeit, oder begibt sie sich nicht in eine unfruchtbare und auf die Dauer tödliche Isolierung? Nach seinen eigenen Worten sind seine Gedichte synkretistisch, in Wahrheit aber analytisch. Ihre «Wirklichkeit» kommt der Trance einer endlosen Maskerade gleich – wie Raeber es selbst feststellt Nirgends bieten sie dem Leser eine seelische «Handhabe»: vor lauter Berührungspunkten verfehlen sie den wichtigsten: die Berührung mit dem Leser. Wer besässe Wendigkeit genug, um diese Artistenkunststücke mitzumachen? Das hetzerische Zerfasern des Zeitbegriffs entwindet dem Leser jeden Anspruch auf Tiefe, Besinnung und Gegenwärtigkeit, alles Dinge, die er im Gedicht zu suchen pflegt. Was sollen diese Konstruktionen einer dichterischen Wirklichkeit, wenn sie überhaupt nicht oder bestenfalls nur als graphisch-gleitende Schemata aufgenommen werden können und nicht genug Geheimnis besitzen um für sich allein zu bestehen? Alle Ueberlegungen nach wahr oder schön, nach "Simmigkeit» erledigen sich vor ermüdender Manier. Es gibt nichts Langweiligeres als kontruierten oder sezierten Unsinn.

Da bieten uns die «Worte ohne Anker», Gedichte Hans Arps aus verschiedenen Zeiträumen, von der dadaistischen Zürcher-Epoche bis in die letzten Jahre, wahre und humorvolle Erholung. […] 

(RAE-B-2-Kutt_005)

(Dazu existiert eine Replik von Thomas Raeber, die nicht publiziert wurde; vgl. Kommentar zu Der Baum)

Westdeutsche Rundschau, 28.2.1963

Maske statt Poesie

„Poesie ist für mich eine Maskerade, wo es keine Demaskierung gibt“, sagt Kuno Raeber in bedauerlicher Großzügigkeit gegenüber der Grammatik. Allerdings setzt er seiner Sprache tatsächlich eine Maske auf, unter der sie zugleich mit ihren unverstellten Zügen alle Zuständigkeit einbüßt. Eine künstlerische Steife soll der Prosa ins Gedicht hinüberhelfen, Affektation vertritt Originalität.

Immer sollte die Syntax im Gedicht einfach sein, zumindest aber verfolgbar. Es darf nicht Mühe kosten, über Einschübe hinweg die Satzanfnge festzuhalten. Raebers Lyrik wirkt gerade da verstaubt und steril, wo er die lyrische Geste sucht: Er schachtelt, um Rhythmus zu erzeugen, er wird im Banalen pathetisch bis zur unfreiwilligen Komik. Antikisierender Tonfall hebt nicht zugleich die Rede ins Erhabene; selbst die Einstimmung durch ein vorangestelltes Aeneis-Zitat vermag hier nichts.

Nicht feierliche Diktion reicht aus, die uralten Gegenstände des Liedes zum modernen Gedicht zu veredeln. Umgekehrt gewinnt die Legende der Heiligen Katharina, ins Moderne transponiert, mehr Lächerliches aus diesen Manipulationen als die angezielte höhere Gültigkeit vertrüge: „Eh sie hineingeht und ansieht / das Bett, das leere, zerwühlte des Freundes, im Licht / der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen / zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide …“

Man kann zweifeln, ob das Gedicht überhaupt die Raeber gemäße Ausdrucksform sei. Die Mehrzahl seiner Verse macht den Eindruck äußerster Bemühung um Rhythmik und Melodie auf der Grundlinie eines Prosagedankens.
Gertrud Höhler

 

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