Frankfurt am Main I
Synopse
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Der Adler
Notizbuch 1980-88 — Entstanden: 15. Juli 1982Von Wien
steigt er auf und über
dem Schwarzwald erscheint er
dem Wanderer als ein
05heimischer Vogel und doch
war es vermutlich
im persischen Hochland dass er
ausschlüpfte aus dem
Ei. Aber das ist // 134
10zulange her. Über
Frankfurt steht er
am höchsten und längsten ein paar
Bilder zeigen ihn mit zwei
Köpfen aber das kommt wohl von einer
15östlichen Neigung
zum Üppigen und zum
Monströsen ein
Fabeltier wäre er dann aber
er ist ein einfacher
20Vogel nun schon lange
allein und ohne
Genossen und findet
zwischen den Wolken-
kratzern sein altes
25Nest St. Bartholomäus nicht mehr schon auf
Goethe hatte er dort // 135
nur noch exotisch
gewirkt wie aus einem
fernen Zwinger herge-
30flogen doch da fällt
eine Feder und dort
herunter Passanten
lesen sie auf und erinnern
sich sie hätten im Nordosten
35ihn neulich noch auf einem verschneiten
Sandplatz im Schnee
sitzen sehen abgemagert und heiss-
hungrig schnäbelnd wie lang
ists her dass er über den Toren der alten
40Städte des Südens aus goldenen Tellern
frass und von Castel del Monte die Flotten // 136
der Türken die
Segel des heiligen Markus erspähte nicht zu
reden von der
45Grotte am Palatin wo er am längsten
wohnte und am bequemsten noch heute
schmerzt ihn der Rauch in den Augen
womit man ihn austrieb
doch auch über Frankfurt wird er sich nicht lange
50 mehr halten können
hoch in den Lüften und
von keinem gesehen bald
hat er alle Federn verloren man wischt sie
jeweils morgens um fünf Uhr
55 an der Konstabler-
wache an der
Kaiserstrasse zusammen er fällt // 137
wenn er Glück hat am Römer
herunter ein kahles
60 ausgemergeltes Aas liest ihn ein Türke
vom Pflaster auf und wirft ihn zum übrigen
Müll in den Container. -
Frankfurt am Main I / Der Adler (A)
Manuskripte 1979-83 — Entstanden: 10. Dezember 1982Von Wien
steigt er auf und über
dem Schwarzwald erscheint er
als ein heimischer Vogel und doch
05war es vermutlich über dem persischen Hochland dass er
ausschlüpfte aus dem
Ei. Aber das ist
zu lange her. Über
Frankfurt steht er
10ein halbes Jahrtausend und manche
behaupten sogar sie hätten
ihn mit zwei Köpfen gesehen ein Fabel-
tier sei er damals gewesen doch seither
ist er ein einfacher // 01v
15Vogel nun schon
lange allein und ohne
Genossen und findet
zwischen den Wolken-
kratzern sein altes
20Nest St. Bartholomäus nicht mehr schon auf
Goethe hatte er dort
nur noch exotisch
gewirkt wie aus einem fernen
Zwinger hergeflogen da fällt
25eine Feder und dort
eine Feder herunter Passanten
lesen sie auf und erinnern
sich sie hätten im Nordosten
ihn neulich auf einem verschneiten
30Sandplatz im Schnee
sitzen sehen abgemagert und heiss-
hungrig schnäbelnd wie lang
ists her dass er über den Toren der alten
Städte des Südens aus goldenen Tellern
35frass und von Castel del Monte die Flotten // 02
der Sarazenen die Segel
des heiligen Markus erspähte dass er in der Grotte
am Palatin wohnte bequem
und gefürchtet noch heute
40schmerzt ihn der Rauch in den Augen
womit man ihn austrieb.
Doch auch über Frankfurt wird er sich nicht mehr
halten können schon bald
hat er alle Federn verloren man wischt sie
45jeweils morgens um fünf Uhr
an der Konstabler-
wache an der
Kaiserstrasse zusammen er fällt
wenn er Glück hat am Römer
50 herunter ein kahles
ausgemergeltes Aas liest ihn ein Türke
vom Pflaster auf und wirft ihn zum übrigen
Müll in den Container. -
Frankfurt am Main I / Der Adler (B)
Manuskripte 1979-83 — Entstanden: 01. Februar 1983Von Wien
stieg er auf und über
dem Schwarzwald erschien er
als einheimischer Vogel und doch
05war es vermutlich im persischen Hochland wo er
ausschlüpfte aus dem
Ei aber das ist
zu lange her über
Frankfurt steht er
10seit einem halben Jahrtausend
von Zeit zu Zeit immer wieder und manche
behaupten sogar sie hätten
ihn mit zwei Köpfen gesehen ein Fabel-
tier sei er damals gewesen doch seither
15ist er ein einfacher
Vogel nun schon
lange allein und ohne
Genossen und findet
zwischen den Wolken-
20kratzern sein altes
Nest St. Bartholomäus nicht mehr schon auf // 04
Goethe hatte er dort
nur noch exotisch
gewirkt wie aus einem fernen
25Zwinger hergeflogen da fällt
eine Feder und dort
eine Feder herunter Passanten
lesen sie auf und erinnern
sich sie hätten ihn neulich
30im Nordosten auf einem verschneiten
Sandplatz im Schnee
sitzen sehen abgemagert und heiss-
hungrig schnäbelnd wie lang
ists her dass er über den Toren der alten
35Städte des Südens aus goldenen Tellern
frass und von Castel del Monte die Flotten
der Sarazenen die Segel
mit dem geflügelten Löwen erspähte dass er in der Grotte
am Palatin wohnte bequem
40und gefürchtet noch heute
schmerzt ihn der Rauch in den Augen
womit man ihn austrieb
doch auch über Frankfurt wird er sich nicht mehr
halten können schon bald
45hat er alle Federn verloren man wischt sie ||
jeweils morgens um fünf Uhr
an der Konstabler-
wache vor der
Paulskirche zusammen er fällt
50 wenn er Glück hat am Römer
herunter ein kahles
ausgemergeltes Aas liest ihn ein Türke
vom Pflaster auf und wirft ihn zum übrigen
Müll in den Container. -
FRANKFURT AM MAIN I / Der Adler
Typoskripte 1983 — Entstanden: 1983Von Wien
stieg er auf und über
dem Schwarzwald erschien er
als einheimischer Vogel und doch
05war es vermutlich im persischen Hochland wo er
ausschlüpfte aus dem
Ei aber das ist
zu lange her über
Frankfurt steht er
10seit einem halben Jahrtausend
von Zeit zu Zeit immer wieder und manche
behaupten sogar er habe
eine zeitlang zwei Köpfe gehabt ein Fabel-
tier sei er damals gewesen doch seither
15ist er ein einfacher
Vogel nun schon
lange allein und ohne
Genossen und findet
zwischen den Wolken-
20kratzern sein altes
Nest St. Bartholomäus nicht mehr schon auf
Goethe hatte er dort
nur noch exotisch
gewirkt wie aus einem fernen
25Zwinger hergeflogen da fällt
eine Feder und dort
eine Feder herunter Passanten
lesen sie auf und erinnern
sich sie hätten ihn neulich
30im Nordosten auf einem verschneiten
Sandplatz im Schnee
sitzen sehen abgemagert und heiss-
hungrig schnäbelnd wie lang
ists her dass er über den Toren der freien
35Städte aus goldenen Tellern //
frass und von Castel del Monte die Flotten
der Sarazenen die Segel
mit dem geflügelten Löwen erspähte dass er in der Höhle
am Palatin hauste bequem
40 und gefürchtet noch heute
schmerzt ihn der Rauch in den Augen
womit man ihn austrieb
doch auch über Frankfurt wird er sich nicht mehr
halten können schon bald
45 hat er alle Federn verloren man wischt sie
jeweils morgens um fünf Uhr
an der Konstabler-
wache zusammen er fällt
wenn er Glück hat am Römer
50 herunter ein kahles
ausgemergeltes Aas liest ihn ein Türke
vom Pflaster auf und wirft ihn zum übrigen
Müll in den Container. -
Frankfurt am Main / I / Der Adler
Hochdeutsche Gedichte 1985 — Publiziert: 1985Von Wien
stieg er auf und über
dem Schwarzwald erschien er
als einheimischer Vogel und doch
05war es vermutlich im persischen Hochland wo er
ausschlüpfte aus dem
Ei aber das ist
zu lange her über
Frankfurt steht er
10seit einem halben Jahrtausend
von Zeit zu Zeit immer wieder und manche
behaupten sogar er habe
eine zeitlang zwei Köpfe gehabt ein Fabel-
tier sei er damals gewesen doch seither
15ist er ein einfacher
Vogel nun schon
lange allein und ohne
Genossen und findet
zwischen den Wolken-
20kratzern sein altes
Nest St. Bartholomäus nicht mehr schon auf
Goethe hatte er dort
nur noch exotisch
gewirkt wie aus einem fernen
25Zwinger hergeflogen da fällt
eine Feder und dort
eine Feder herunter Passanten
lesen sie auf und erinnern
sich sie hätten ihn neulich
30im Nordosten auf einem verschneiten
Sandplatz im Schnee
sitzen sehen abgemagert und heiß-
hungrig schnäbelnd wie lang
ists her daß er über den Toren der freien
35Städte aus goldenen Tellern
fraß und von Castel del Monte die Flotten
der Sarazenen die Segel
mit dem geflügelten Löwen erspähte daß er in der
Höhle
40am Palatin hauste bequem
und gefürchtet noch heute
schmerzt ihn der Rauch in den Augen
womit man ihn austrieb
doch auch über Frankfurt wird er sich nicht mehr
45halten können schon bald
hat er alle Federn verloren man wischt sie
jeweils morgens um fünf Uhr
an der Konstabler-
wache zusammen er fällt
50wenn er Glück hat am Römer
herunter ein kahles
ausgemergeltes Aas liest ihn ein Türke
vom Pflaster auf und wirft ihn zum übrigen
Müll in den Container.