Freitag, 18 November 1977

Nico Zachmann (Schweizer Institut, Rom), 18.11.1977

Lieber Herr Zachmann,

01 gestern sah ich im Aufzug Ihre freundliche Mitteilung. Da sie sich offenbar an alle Hausbewohner richtete, werden Sie mir vielleicht gestatten, dass ich dazu eine Bemerkung mache.

02 Was mir auffällt, ist der Umstand, dass Sie, der Sie selbst doch wohl Deutschschweizer sind, die Mitglieder des Instituts, die, falls ich richtig informiert bin gleichfalls zu zwei Dritteln aus der deutschen Schweiz kommen, französisch ansprechen. Natürlich ist es Ihr Recht, da es sich hier ja um keine amtliche Mitteilung handelt, sich jeder beliebigen Sprache zu bedienen, also auch des Englischen oder Russischen, wenn Ihnen das so richtig erscheint. Dass Sie sich ausgerechnet des Französischen bedienen, hat jedoch, wie ich vermute, seinen Grund darin, dass Sie, mehr oder weniger bewusst, diese Sprache als eine Art schweizerischer Übersprache ansehen, als eine Lingua Franca für den Verkehr zwischen den verschiedenen Sprachgruppen des Landes. Etwa so ähnlich, wie das bis vor kurzem, heute ja nicht mehr, in Belgien der Fall war. Doch die Schweiz ist und war nie Belgien. Dort hatte diese Regelung ihre besonderen historischen Gründe. Zudem stellten die Frankophonen immerhin fast die Hälfte der Bevölkerung. In der Schweiz halte ich die Zubilligung einer derartigen Vorzugsstellung an das Französische für keinesfalls gerechtfertigt.

03 Die Achtung vor den sprachlichen Minderheiten ist ein unbestrittener Grundsatz des Zusammenlebens in einem mehrsprachigen Land. Doch setzt sie, um glaubwürdig zu sein, die Selbstachtung der Mehrheit voraus. Demokratisches Verhalten kann doch wohl nicht darin bestehen, dass die Mehrheit, in einem masochistischen Akt der Selbstaufgabe, die Rücksicht auf die Minderheit so weit treibt, dass sie deren Sprache übernimmt und ihre eigene verleugnet. Das nenne ich das Kind mitsamt dem Bade ausschütten. Wenn wir den Welschschweizern in gemeinsamen Gremien, auch wenn sie dort in der Minderheit sind, die Freiheit lassen, sich in ihrer Sprache zu äussern, mag das ein Ausdruck unserer politischen Reife und Toleranz sein. Wenn wir aber, im Glauben, ihnen so gefällig zu sein, selber französisch zu sprechen anfangen, scheint mir das fehl am Platze und geradezu absurd. Auch zeugt es für ein Missverständnis des Begriffs der Demokratie; diese fordert zwar den Schutz der Minderheiten, nimmt aber die Rechte der Mehrheit nicht weniger ernst. Wir können zwar, weissgott, von den Welschen nicht verlangen, dass sie die deutsche Sprache in der Schweiz vertreten, aber // ebenso wenig sind wir dazu berufen oder geeignet, die französische Sprache in der Schweiz zu erhalten und zu verbreiten. Das können die Welschen besser, und sie haben bekanntlich nie die mindesten Bedenken gehabt, es zu tun.

04 Die Sprache ist ein unterscheidendes Merkmal des Menschen, das vornehmste Werkzeug seiner Selbstrealisierung, seiner Individuation. Sie macht auch, neben anderen Merkmalen, seine nationale Eigentümlichkeit aus. Aber wie soll ich mich in einer vorgeblich schweizerischen Institution zuhause fühlen, wenn man mir dort das Gefühl vermittelt, ich müsse mich fast entschuldigen dafür, wenn ich mich meiner, also der deutschen Sprache bediene? Sie mögen sagen, dass ich als Schriftsteller da einen partikulären Standpunkt vertrete. Aber ich meine, es handelt sich um ein Problem, das jeden betrifft, der redet und schreibt, vor allem jeden Intellektuellen also. Die Sprache ist ja nicht bloss ein zufälliger Besitz, ein Gebrauchsgegenstand, sie gehört zu unserer Substanz, wir haben eine Verantwortung für sie. Und unsere fremdsprachigen Landsleute haben das Recht darauf, dass wir ihnen, wo das immer möglich ist, in unserer Sprache begegnen: dass wir die Kultur, die sich in unserer Sprache ausdrückt, zum gemeinsamen Gespräch beitragen. Wie wir das Entsprechende ja auch von ihnen erwarten. Das ist, scheint mir, die Voraussetzung für wirkliche gegenseitige Achtung, für den echten Dialog auf gleicher Ebene.

05 Was übrigens die besondere Lage des Instituts angeht, hat nach meiner Meinung, dies noch zum Schluss, von unseren Landessprachen allenfalls das Italienische den Anspruch auf eine Vorzugsstellung: es ist die Sprache des Landes, in dem wir zu Gast sind. Leider lässt er sich, weil wohl nur wenige Mitglieder des Italienischen mächtig sind, kaum verwirklichen. Immerhin ist zu wünschen, dass möglichst viele die Gelegenheit ergreifen, sich wenigstens etwas damit zu beschäftigen.

06 Ich hoffe, dass ich Sie mit dieser grossen Suada aus kleinem Anlass nicht allzu sehr gelangweilt habe, dass Sie mir meine Aufdringlichkeit nicht allzu sehr verübeln,

 und bin mit freundlichen Grüssen

Ihr

Weitere Informationen

  • Besonderes:

    Typoskript

  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Brief
  • Schreibzeug: Schreibmaschine
  • Signatur: B-1-ZACH
  • Status Text: Kontrolliert
  • Priorität: Normal
Briefe (Datum)
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