Donnerstag, 20 Dezember 1962

Von Hilde Claassen, 20.12.1962

Lieber Herr Raeber,

01 Haben Sie Dank für Ihren Brief vom 14. Dez. 1962 und die zehn Gedichte, die ihm beigefügt waren. Ich habe mich gestern eingehend mit dem Manuskript beschäftigt und bin dabei zu folgender Überlegung gekommen: Es gibt unter allen Gedichten, also denen aus den Jahren 1960, 1961 und 1962, einige wenige, die ich wegzulassen vorschlagen möchte; einige wenige andere, bei denen ich ein Wort oder einen Satz fortlassen würde, weil ich glaube, sie werden dann viel ausdrucksvoller und einprägsamer – aber die letzte Entscheidung darüber haben selbstverständlich Sie.

Im einzelnen:

1960
02 ausgezeichnet: PALAZZO REALE und PANTHEON; FENSTER hingegen schlage ich vor wegzulassen. Dieses ganz kleine Gedicht müßte von einer äußersten Prägnanz sein, aber das ist es, soviel ich das sehe, nicht.

03 Das sehr schöne Gedicht GINSTER würde gewinnen, wenn die beiden letzten Zeilen wegbleiben könnten.

1961
03 ELEGIE schien mir bei der ersten, bei der zweiten wie auch bei der dritten Lesung zu peripher; ich schlage vor, es fortzulassen.

04 Das Gedicht VOGEL fände ich ausgezeichnet, wenn man am Schluß sagen könnte "taumelt traumlos und erinnert sich nicht an eine dieser Küsten, die klirrend kichern."

05 DIE HUPE schlage ich vor fortzulassen.

06 FÄHRE – hier würde ich den letzten Satz "und das Blech zerstückelt" fortlassen.

07 NOVEMBER ist ein sehr schönes Gedicht, aber es stört mich ein wenig "undefinierbares Pelzwerk". Ich verstehe, wie Sie dazu gekommen sind, aber dennoch würde ich ein anderes Adjektiv einsetzen, das dem 'zerschliessenen' in der vorhergehenden Zeile verwandter ist.

08 SEESTÜCK schlage ich vor fortzulassen.

09 KINDERZIMMER. Ich schlage vor, dieses Gedicht mit Zeile 13 "Brücke" enden zu lassen. //

1962
10 BÄUME schlage ich vor wegzulassen.

11 WENN DER SCHNEE SCHON. Die letzte Zeile schlage ich vor wegzulassen, weil sie dem Gedicht eine Wendung ins Sentimentale gibt, die ihm nicht gemäß ist.

12 TERRASSEN. Könnte man nicht in der letzten Zeile ein anderes Wort für "unverfroren" finden?

13 FLUGZEUG. Hier schlage ich vor, in der vorletzten Zeile "dir" fort zu lassen.

14 LASTSCHIFF
   SOMMER
      STRASSENBAHWAGEN
          SOMMERBAUMdiese vier Gedichte schlage ich vor wegzulassen.

15 Bei dem Gedicht WARTEN schlage ich vor, das Wort "daß" in der ersten, vierten und siebten Zeile wegzulassen.

16 PARK schlage ich vor fortzulassen.

17 Die Gedichte PROZESSION und GRAB wären möglicherweise auch fortzulassen – hier bin ich mir aber nicht sicher, und ich erwarte Ihre Entscheidung.

18 MISE EN TOMBEAU würde ich raten, wegzulassen, ebenso SCHLACHTEN: LEOPOLDSTRAßE.

19 Bei dem Gedicht STEINBRUCH würde ich raten, in der 2. Zeile anstelle von "zutiefst" "tief" zu sagen.

- - -

20 Dieses sollen, wie ich schon sagte, Vorschläge sein. Bitte lassen Sie mich Ihre Ansicht wissen. Ich bin natürlich etwas im Zeitdruck, weil das Manuskript bald in Satz gegeben werden sollte. Ihr Klappentext kommt, wie wir das schon vereinbart haben, vorne als eine Art Vorwort; als Titel würde ich FLUSSUFER lassen. –

[…]

Mit herzlichen Grüßen und allen guten
Wünschen,
Ihre
CLAASSEN VERLAG
G.M.B.H.

Dr. Hilde Claassen.

  • Details:

    Z. 07 November] kein Typoskript erhalten; vgl. Druckfassung

  • Besonderes:

    Zwei Blätter; Briefkopf CLAASSEN VERLAG; betr. Flussufer 1963

  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Brief
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Schreibzeug: Schreibmaschine
  • Signatur: B-4-c-FLUSS

Inhalt: Briefstellen zur Gedichtproduktion
Signatur: Vgl. Angabe bei den einzelnen Texten

Kommentar: Die Auswahl ist beschränkt auf einige wenige Briefe, v. a. aus der Verlagskorrespondenz;
vgl. auch einige Briefentwürfe Raebers in den Notizbüchern
Wiedergabe: Textkonstitution ohne Verzeichnung der Korrekturen

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