DIE SIBYLLE

Nur in den ersten
Nächten des Frühlings erregt
der Gesang der Sibylle:
»Wie unter Tiburs Bäumen,
05 wenn da der Dichter saß
und unter Götterträumen
der Jahre Flucht vergaß …«
die Gebirge zum Grünen.

Treibt den einen in die Hotelbar, die
10 von Lippenrot heißen
Schnäpse zu trinken.

Den andern erregt er,
die rauhe Uralte
selber im Tempel zu suchen: Sie hat sich
15 in der Cella verborgen.
Und voll
strahlt jetzt erst der Mond. Die Hänge
dampfen; die Droge
wäre jetzt wohl am stärksten.

20 Doch ihn erschrecken
Ruinen schon wieder, und Blüten
fand er so üppig sonst nur auf Gräbern.
Sogar die Kaskaden, sie fallen
stumm vor der Stimme,
25 die aus der Cella
»Wenn ihn die Ulme kühlte
und wenn sie stolz und froh
um Silberblüten spielte,
die Flut des Anio«
30 im Wachtraum heiser herabschreit.

Weitere Informationen

  • Letzter Druck: GEDICHTE 1960
  • Endfassung: ja
  • Strophen: ja
  • Seite / Blatt: 11
  • Werke: Bd.1, 092
  • Textnr.: 007
  • Nachdruck: Gegengewichte. Basel 1978, S. 67
  • Priorität: Hoch
    Änderung: Donnerstag, 20 Oktober 2016
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